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Reisen mit einem Kind im Autismusspektrum: Praktische Tipps für einen entspannten Urlaub

  • Anna Maria Püspök
  • vor 9 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Nahaufnahme eines gut gepackten Reisekoffers mit vertrauten Spielsachen und Reisezubehör für ein autistisches Kind

Reisen mit einem Kind im Autismusspektrum kann eine Familie vor besondere Aufgaben stellen: Die vielen unbekannten Situationen, neue Umgebungen und ungewohnten Abläufe können schnell zu Stress und Überforderung führen – sowohl für das Kind als auch für die Eltern.


Meine eigene Erfahrung als Mutter ist bisher: Ganz stressfrei ist das Reisen mit jungen Kindern nie - und schon gar nicht mit Neurodivergenz im Gepäck. Doch mit der richtigen Vorbereitung und einigen hilfreichen Strategien lässt sich ein Urlaub für ein autistisches Kind entspannter gestalten und zu einer schönen Erfahrung für die ganze Familie machen.


Ich möchte in diesem Beitrag meine persönlichen Erfahrungen teilen, die uns als Familie in den letzten Jahren dabei geholfen haben, Urlaube mit unserem Kind im Autismusspektrum mit weniger Stress zu planen und entspannter zu erleben. Zur Einordnung: Wir sind meistens in der Konstellation Mutter, Vater, Kind zu dritt unterwegs und zum Zeitpunkt des aktuellsten Urlaubs war unser Kind, das verbal ist und grundsätzlich gerne verreist, knapp 6 Jahre alt. Wir Eltern sind vom Urlauber*innentyp her eine Kombi aus leichter Aktivität (Sightseeing, Bummeln, Gegend erkunden) und Entspannung.



1. Vertraute Gegenstände mitnehmen


Ein wichtiger Schlüssel für entspanntes Reisen mit Autismus ist, eurem Kind so viel Vertrautheit wie möglich zu bieten. Das bedeutet: unbedingt Lieblingsspielzeuge, Kuscheltiere oder andere vertraute Gegenstände einpacken! Diese geben eurem Kind Sicherheit und helfen, Stress abzubauen, wenn die Umgebung ungewohnt ist.


Beispiel: Mein Sohn hat immer sein Lieblingskuscheltier dabei, das ihm hilft, sich in neuen Situationen zu regulieren. Auch ein vertrautes Kissen oder eine Decke können Wunder wirken.


2. Abläufe so gut wie möglich planen und kommunizieren


Kinder im Autismusspektrum profitieren von klaren Strukturen und Vorhersehbarkeit. Deshalb ist es hilfreich, auch im Urlaub die Tage zumindest grob zu planen und dem Kind den Ablauf vorher gut zu erklären. Vor allem an Reisetagen (z.B. Flughafen) ist das aus meiner Sicht essentiell.


Tipp: Für viele Kinder sind visuelle Mittel wie Piktogramme oder Fotos, um den Tagesablauf darzustellen, sehr hilfreich. So kann das Kind besser verstehen, was als nächstes passiert, und fühlt sich dadurch sicherer.


3. Pausen und Rückzugsorte einplanen


Neue Eindrücke und viele ungewohnte Reize können schnell überfordern. Plant deshalb genügend Pausen ein und sucht auch unterwegs immer wieder Rückzugsorte, an denen euer Kind zwischendurch zur Ruhe kommen kann. Das kann ein kühles, abgedunkeltes Zimmer im Hotel sein oder ein schattiges Plätzchen im Park abseits von großen Menschenmengen. Wichtig: Achtet darauf, dass der Rückzugsort möglichst reizarm ist - ohne laute Geräusche oder grelles Licht.


Tipp: Für uns ist auch nach dem Kleinkindalter der Buggy noch ein unverzichtbares Reiseutensil: Gerade in der Stadt bei vielen Eindrücken wird er als Safe Space viel genutzt und dient, wenn nötig, mit ausgeklapptem Dach und Tuch davor, unserem Kind unterwegs als "private Höhle" zum Reduzieren visueller Reize.


4. Reiseziel, Reiseart und Unterkunft sorgfältig auswählen


Nicht jedes Reiseziel und jede Reiseart eignen sich gleich gut für einen Urlaub mit einem autistischen Kind. Überlegt bereits bei der Reiseplanung, welche Umgebung für euch Eltern passend UND für euer Kind angenehm ist. Manche Kinder fühlen sich in der Natur wohl, andere bevorzugen ruhige Städte oder Ferienwohnungen mit wenig Trubel. Auch die Wahl des Verkehrsmittels spielt eine Rolle (z.B. Flugreise vs. eigener PKW).


Beispiel: Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Unterkunft während des Aufenthalts so wenig wie möglich zu wechseln - statt einer straffen Rundreise also zum Beispiel in 2 Wochen maximal (!) 3 verschiedene Nächtigungsorte - von dort aus jeweils einzelne Tagesausflüge mit dem Mietwagen. Teile unseres aktuellsten Reiseziels waren wiederum für unser Kind eine sensorische Herausforderung (Hitze, Sonne, Straßenlärm, laute Musik) - das werden wir in Zukunft bei der Wahl der Destination stärker berücksichtigen.


5. Safe Food einpacken


Viele Kinder im Autismusspektrum haben sehr selektive Essensgewohnheiten. Was das Thema Essen im Urlaub bzw. in Restaurants zusätzlich zur eingeschränkten Speisenauswahl erschwert: Unterscheidet sich eine Speise auch nur minimal in Konsistenz, Optik oder Geschmack von der gewohnten Variante, kann das für ein neurodivergentes Kind bereits Grund genug sein, diese abzulehnen. Manchmal reicht dafür auch schon die ungewohnte Umgebung, in der gegessen werden soll.


Tipp: Wir haben uns angewöhnt, eine große Menge an Safe Food (z.B. die bevorzugte Reissorte oder bewährte Snacks bestimmter Marken) in den Urlaub mitzunehmen. Das nimmt vor allem an Reisetagen zumindest etwas den Druck, unterwegs unbedingt etwas "passendes" zu Essen finden zu müssen. Bewährt haben sich für uns außerdem als Unterkunft Apartments mit eigener Kochmöglichkeit.


6. Großzügige Zeitpuffer einplanen


Das gilt vor allem für Reisetage, an denen man sich nach fixen Fahrplänen richten muss: Plant wirklich großzügig (!) Pufferzeiten ein. Seid lieber schon 3 Stunden vor Abflug am Flughafen als zu knapp - seid ihr gestresst und hektisch, dann ist der Meltdown bei eurem Kind schon fast vorprogrammiert. Denn auch beim Reisen gilt: Entspannte Eltern, entspanntere Kinder!


7. Kommunikation mit dem Reisepersonal


Scheut euch nicht, das Personal vor Ort über die Bedürfnisse eures Kindes zu informieren. Viele Hotels, Fluggesellschaften oder Freizeitangebote sind inzwischen sensibilisiert und bieten Unterstützung an.


Beispiel: Wir sind bis jetzt immer mit Buggy gereist (siehe Punkt 3) und wurden alleine dadurch auf den Flughäfen bei Securitychecks etc. immer sehr unterstützend und entgegenkommend behandelt. Notfalls hat ein diskreter Hinweis auf eine vorliegende Autismusdiagnose ausgereicht. Für die Zeit nach dem Buggy planen wir, uns zumindest für Flugreisen ein Sonnenblumen-Lanyard zu besorgen.


8. Flexibel bleiben und Erwartungen anpassen


Auch wenn Planung wichtig ist: Versucht trotzdem, flexibel zu bleiben (ich mag in diesem Zusammenhang den Begriff "situationselastisch" gerne). Manchmal läuft nicht alles nach Plan, und schon gar nicht mit einem neurodivergenten Kind. Das ist völlig in Ordnung! Passt eure Erwartungen an: Vielleicht tut es ja auch euch Eltern gut, es statt eines ganztägigen Sightseeing-Programms etwas ruhiger angehen zu lassen?


Mein Rat: Gerade im Urlaub darf auch Platz sein, sich auf das einzulassen, was gerade ist - auch wenn es vielleicht von den eigentlichen Vorhaben abweicht. Seht den Urlaub als gemeinsame Zeit, in der es vor allem um euer Wohlbefinden geht – nicht darum, ein straffes Programm abzuwickeln.


Bonustipp: Sich vom Urlaub erholen


Es mag absurd klingen, ist aber aus meiner Sicht umso wichtiger: Wenn es irgendwie möglich ist, plane als Elternteil Zeit ein, um dich nach dem Urlaub noch etwas zu erholen. Ich habe es zumindest bei unseren letzten Reisen so erlebt, dass ich als Mutter im Urlaub noch stärker gefordert war als zuhause. Durch die fremde Umgebung und die ungewohnten Abläufe hat sich unser Kind (verständlicherweise) ganz besonders an mir orientiert und ist mir zum Teil den ganzen Tag nicht von der Seite gewichen. Dadurch hatte ich kaum Zeit für mich alleine, was für meine eigene Erholung aber essentiell ist. Mein Traum wäre, nach dem Familienurlaub jeweils noch ein paar Tage Urlaub alleine zu verbringen. Ich arbeite daran :-)



Ein Urlaub mit einem autistischen Kind erfordert eine gute Planung, viel Geduld und auch einen gesunden Pragmatismus. Denk daran, dass es kein perfektes Rezept gibt: Jedes Kind, jede Familie ist einzigartig und braucht individuelle Lösungen. Vielleicht konnte dir dieser Beitrag ein paar Ideen dazu liefern.


Ich wünsche euch viele schöne gemeinsame Erlebnisse auf eurer nächsten Reise!





Portraitfoto Anna Püspök

Mag. Anna Püspök ist Dipl. Psychosoziale Beraterin und Mentalcoach. Im Rahmen von MAMAGLÜCK widmet sie sich der seelischen Gesundheit von Frauen und hilft (werdenden) Müttern dabei, gut für sich zu sorgen. Sie ist selbst Mutter eines Kindes im Autismusspektrum.


Bild: Miriam Mehlman Fotografie

 
 
 

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