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Mein Kind hat Autismus - was tun?

  • Anna Maria Püspök
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Schulkind mit Gehörschutz im Autismusspektrum

"Autismusspektrumsstörung" - nun ist sie also da, die Diagnose. Und auch wenn du vielleicht schon länger eine Vermutung hattest, kann die Gewissheit im ersten Moment überfordern.

Viele Eltern beschreiben ihre Gefühle nach der Autismusdiagnose ihres Kindes als Mischung aus allem: Erleichterung, weil man endlich eine Erklärung hat. Und gleichzeitig Verunsicherung, vielleicht auch Angst vor dem, was jetzt kommt.


Die Frage, die dann oft ganz schnell auftaucht: „Mein Kind hat Autismus – was tun?“

Wenn du gerade an diesem Punkt stehst, ist dieser Blogbeitrag für dich gedacht. Er soll dir als einfühlsamer Leitfaden für die ersten Schritte nach der Diagnose dienen und dir helfen, dich Stück für Stück zu sortieren und Klarheit darüber zu bekommen, was jetzt wichtig ist.


  1. Die Diagnose einordnen und wirken lassen


So verständlich der Impuls ist, sofort aktiv werden zu wollen: Gib dir einen Moment Zeit zum Verarbeiten. Eine Diagnose verändert nicht dein Kind selbst. Sie verändert vor allem den Blick darauf: Was vorher vielleicht „herausfordernd“ oder „unerklärlich“ gewirkt hat, bekommt nun einen Kontext. Das kann entlastend sein und gleichzeitig emotional aufwühlen. Vielleicht fühlst du dich traurig, verzweifelt, wie erstarrt - oder es fällt dir schwer, die Diagnose zu akzeptieren. Sei geduldig mit dir und gib dir Zeit, in dieser neuen Realität anzukommen! Brauchst du dabei Unterstützung? Ich bin gerne für dich da.


  1. Wissen aufbauen und den Alltag neu verstehen


Viele Eltern erleben den Alltag nach der Diagnose zunächst als noch anstrengender.

Nicht, weil sich das Verhalten des Kindes verändert, sondern weil die eigene Wahrnehmung sensibler wird. Ein entscheidender Perspektivenwechsel kann hier entlasten: Dein Kind verhält sich nicht "schwierig", sondern es reagiert auf eine Welt, die sich für es oft anders und überfordernd anfühlt.


Das betrifft zum Beispiel:

  • Reizverarbeitung (Geräusche, Licht, Berührungen)

  • Veränderungen in Tagesablauf und -struktur

  • Soziale Situationen

  • Kommunikation


Um ein Kind im Autismusspektrum liebevoll und zugewandt begleiten zu können, ist es wichtig, seine Bedürfnisse und Besonderheiten im Verhalten zu verstehen. Nun geht es also darum, dir Wissen anzueignen. Vielleicht hast du erste Informationen über die Diagnose Autismus, seine Merkmale und Auswirkungen auf den Alltag bereits im Rahmen der Diagnostik erhalten. Literaturempfehlungen und hilfreiche Links findest du zusätzlich hier.


Auch wenn du vielleicht befürchtest, dein Kind könnte abgestempelt oder stigmatisiert werden: Ich rate dir jedenfalls dazu, das soziale Umfeld deines Kindes über die Diagnose zu informieren und mit einzubeziehen. So wächst die Chance, aus dem Familien- und Freundeskreis mehr Verständnis für das Verhalten deines Kindes zu bekommen und das Bewusstsein dafür zu schärfen, welche Herausforderungen es mit sich bringt, ein Kind im Autismusspektrum großzuziehen. Zusätzlich können sich Kindergarten und Schule besser auf dein Kind einstellen und allfällige Unterstützungsmaßnahmen in die Wege leiten.


  1. Therapie- und Unterstützungsmöglichkeiten klären


Ein zentraler nächster Schritt ist die Frage nach passender (therapeutischer) Unterstützung.

Je nach Alter und Bedarf deines Kindes kommen unterschiedliche Angebote in Frage, zum Beispiel:

  • Ergotherapie

  • Logopädie

  • Verhaltenstherapeutische Ansätze

  • Sozialkompetenztraining

  • Medikamentöse Unterstützung

  • Spezialisierte Beratungs- und Förderstellen für Autismus


Hier geht es nicht darum, möglichst viel gleichzeitig zu starten, sondern das auszuwählen, was für dein Kind mit seinen konkreten Herausforderungen wirklich sinnvoll und passend ist.

Hilfreicher als die Frage „Was gibt es alles?“ ist daher: „Was braucht mein Kind gerade wirklich?“


Beobachte dafür möglichst konkret:

  • Womit tut sich dein Kind im Alltag schwer?

  • Wo entsteht regelmäßig Stress oder Überforderung?

  • Was funktioniert (vielleicht überraschend) gut?


Diese Beobachtungen sind oft die bessere Grundlage als jede allgemeine Therapieempfehlung.


Leider sind die Wartezeiten auf Therapieplätze zum Teil sehr lange, weshalb ich dir empfehle, dein Kind möglichst rasch für eine Behandlung anzumelden bzw. auf die Warteliste setzen zu lassen. Einige weiterführende Links und Anlaufstellen für Österreich findest du hier.


  1. Finanzielle Unterstützung beantragen


Hat dein Kind eine Autismusdiagnose erhalten, hat es bzw. habt ihr als Familie unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf finanzielle Unterstützung vom Staat - in Österreich können das zum Beispiel erhöhte Familienbeihilfe, Pflegegeld, Selbstversicherung bei der Pflege eines behinderten Kindes, Erleichterungen bei der Steuererklärung oder die Ausstellung eines Behindertenausweises sein.


Auch wenn es im ersten Moment vielleicht ein beklemmendes Gefühl in dir auslöst, den Begriff "Behinderung" so klar vor dir zu haben, möchte ich dich ermutigen, die entsprechenden Anträge zu stellen: Finanzielle Zuschüsse erleichtern den ohnehin herausfordernden Alltag zumindest ein bisschen und erweitern möglicherweise die Therapiemöglichkeiten für dein Kind - ihr könnt als Familie also nur profitieren. Weitere Infos und Unterstützung im Antragsdschungel gibt es in Österreich zum Beispiel bei der Autistenhilfe.


  1. Eigene Ressourcen im Blick behalten


Eine Sache, die in der Sorge und in dem stetigen Bemühen um dein Kind oft übersehen wird: Du.


Eltern - insbesondere Mütter - von Kindern im Autismusspektrum gehen im Alltag oft die sprichwörtliche Extrameile: Sie planen, regulieren mit, denken voraus, organisieren, begleiten liebevoll, pflegen, informieren sich kontinuierlich weiter, geben Halt und Struktur und sind gleichzeitig häufig mit gesellschaftlichem Unverständnis konfrontiert. Vieles davon bleibt für Außenstehende unsichtbar und belastet dennoch, zum Teil sogar enorm.


Gerade deshalb braucht es neben Diagnostik, Therapie und Förderung für die Kinder auch verlässliche Unterstützung für Mütter bzw. Eltern von Kindern im Autismusspektrum. Viele Eltern funktionieren lange - und merken erst spät, wie erschöpft sie eigentlich sind. Doch nur wer auch gut für sich selbst sorgt, kann langfristig ein liebevolles und Halt gebendes Umfeld für sein Kind gestalten. Du gehörst zu den größten Ressourcen deines Kindes!



Zum Abschluss


Kinder im Autismusspektrum erleben die Welt auf ihre ganz eigene Weise. Wenn es uns gelingt, uns darauf einzulassen, kann dies eine tiefgehende und wundervolle Bereicherung für unser Leben sein. Ich hoffe, dieser Blogartikel kann einen kleinen Beitrag dazu leisten!





Portraitfoto von Mag. Anna Püspök. Sie ist Dipl. Psychosoziale Beraterin und Mentalcoach. Im Rahmen von MAMAGLÜCK widmet sie sich der seelischen Gesundheit von Frauen und hilft (werdenden) Müttern dabei, gut für sich zu sorgen. Sie ist selbst Mutter eines Kindes im Autismusspektrum.

Mag. Anna Püspök ist Dipl. Psychosoziale Beraterin und Mentalcoach. Im Rahmen von MAMAGLÜCK widmet sie sich der seelischen Gesundheit von Frauen und hilft (werdenden) Müttern dabei, gut für sich zu sorgen. Sie ist selbst Mutter eines Kindes im Autismusspektrum.


Bild: Miriam Mehlman Fotografie

 
 
 

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